Hotspots der Artenvielfalt in Ostwestfalen
Blühender Lerchensporn im Buchenwald der Egge. (Foto: A. Niemeyer-Lüllwitz)
Gemeinsam mit der Senne und dem Teutoburger Wald zählt die Egge zu den bundesweit ausgewiesenen Hotspots der biologischen Vielfalt, einer von insgesamt 30 in Deutschland. Seit den 1990er Jahren kämpft der BUND deshalb für die Errichtung eines Nationalparks in OWL. Die naturschutzfachliche Eignung wurde jeweils für die Senne (Truppenübungsplatz) und den Teutoburger Wald nachgewiesen. Das Projekt Teutoburger Wald scheiterte 2014 an der Unentschlossenheit der Landesregierung. Das Projekt Senne wird aufgrund der nach dem Ukrainekrieg intensivierten militärischen Nutzung aktuell nicht weiterverfolgt.
Potenzial für den zweiten NRW-Nationalpark
Die schwarz-grüne Landesregierung ging 2022 mit der Absicht zur Errichtung eines zweiten NRW-Nationalparks an den Start. Die naturschutzfachliche Ausgangslage in Ostwestfalen war dafür hervorragend: Mit über 12.000 ha schutzwürdiger Waldflächen erfüllte die Egge beste Voraussetzungen für die Ausweisung eines Großschutzgebietes, so eine 2022 von den Naturschutzverbänden herausgegebene Wildnisstudie. Ein breites Bündnis setzte sich dort deshalb für den Nationalpark Egge ein. Unterstützung gab es durch den BUND NRW auf seiner Landesdelegiertenversammlung 2023 in Bielefeld.
Die LDV stellte fest: „Der 12.000 Hektar große Staatswald in der Egge ist bereits weitgehend als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Mit seinen Wäldern, Felsklippen, Höhlen, Mooren, Quellen und Bächen ist die Egge Lebensraum für weit über 200 gefährdete und seltene Arten der Roten Liste. Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten kommen in NRW nur hier oder an einzelnen anderen Reliktstandorten vor. Der potenzielle Nationalpark wäre zudem mit der Senne und dem Teutoburger Wald optimal in den Verbund von schützenswerten Biotopen eingebunden.“
Der BUND hat das vom Land gestartete Verfahren von Beginn an kritisiert. Regionen sollten sich bis März 2024 bewerben können. Voraussetzung: Positive Beschlüsse der kommunalen Gremien. Die Ausweisung eines Nationalparks in NRW ist aus Sicht des BUND aber eine landesweite Aufgabe, die letztendlich vom Land NRW entschieden werden muss, also vom gewählten Landesparlament und nicht von Kreistagen. Diese lehnten in den Kreisen Paderborn und Höxter mit ihren CDU-Mehrheiten den Nationalpark ab. Immerhin gelang es dann den Naturschutzverbänden, in beiden Kreisen Bürgerentscheide durchzusetzen. Es folgte ein vor allem von der CDU und der Holzlobby getragener und mit Falschinformationen angeheizter „Wahlkampf“ gegen den Nationalpark. Mit leider negativen Ergebnissen.
Chance für mehr Wildnisgebiete
Nach dem vorläufigen Scheitern weiterer Nationalparkpläne erwartet der BUND von der Landesregierung Antworten, wie die in internationalen Verträgen und im Koalitionsvertrag verankerten Naturschutzziele umgesetzt werden sollen. NRW hat sich zum Beispiel verpflichtet, 2 Prozent der Landesfläche als Wildnisgebiete auszuweisen. Derzeit liegt deren Anteil allerdings nur bei 0,28 Prozent (ca. 9560 Hektar von dem Zielwert mit 68.280 Hektar). Dieser Anteil erhöht sich im Rahmen der Ausweisung von 5000 Hektar neuer Wildnisgebiete durch die aktuelle Landesregierung zumindest etwas. Auch von dem in der Biodiversitätsstrategie des Landes verankerten Ziel, 5 Prozent der Waldflächen einer natürlichen Entwicklung zuzuführen, ist NRW noch weit entfernt. Um sich diesem Ziel anzunähern, stehen weiterhin über 10.000 Hektar Staatswaldflächen der Egge zur Verfügung. So zum Beispiel die Wälder im Naturschutzgebiet Egge-Nord.
NSG Egge-Nord – „Naturerbe-Buchenwald“
Das Naturschutzgebiet (NSG) Egge-Nord umfasst 2600 Hektar. (Karte: Kreis Paderborn)
Schon vor über 10 Jahren hat das Land NRW mit dem „Naturerbe-Buchenwald“ westlich von Altenbeken ein erstes Wildnisentwicklungsgebiet ausgewiesen. Die Flächen sind Teil des Naturschutzgebietes Egge-Nord. Alte Buchenwälder mit Höhlen, Schluchten und Felsformationen machen die Egge hier zu einem ganz besonderen Naturraum. Sie ermöglichen Raritäten wie dem Schwarzstorch und diversen Totholzkäfern das Überleben. Zahlreiche Höhlen im Karstgebirge erweitern den Lebensraum in die Tiefe. Darin finden sich neben vielen Fledermausarten auch hoch spezialisierte Tiere. Etwa der Fledermaus-Höhlenkäfer (Choleva septentrionis sokolowskii), der weltweit bislang nur in einer Höhle der Egge gefunden wurde. Quellen, Bäche und Moore liefern weitere wertvolle Lebensräume. Im Frühling bestimmen hier Märzenbecher und Lerchensporn das Bild. Zudem trägt der Höhenzug der Egge zur Vernetzung unterschiedlicher Lebensräume bei. Davon profitiert auch die Wildkatze.
Viele gute Gründe also, das Netz der Wildnisgebiete in der Egge zu erweitern. In ganz NRW fehlen noch viele tausend Hektar Wildniswälder, wenn die Ziele der Biodiversitätsstrategie erreicht werden sollen. Deshalb setzt sich der BUND dafür ein, das 2600 Hektar große Naturschutzgebiet Egge-Nord vollständig als Wildnisgebiet auszuweisen.