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BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen

Reisholzer Hafen: BI Hafenalarm und BUND fordern „Plan B“

30. Juni 2016 | Mobilität, Binnenschifffahrt

Zweifel an Gutachten / Hafenausbau kaum ökologisch machbar

Im Vorfeld der am kommenden Mittwoch beginnenden „Frühzeitigen Bürgerbeteiligung“ zum Ausbau des Reisholzer Hafens in Düsseldorf äußerten die Bürgerinitiative Hafenalarm und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) heftige Kritik am bisherigen Planungsverlauf. Wesentliche Planungsrisiken würden ausgeblendet, der wirtschaftliche Nutzen überbewertet und die Folgen für Mensch, Natur und Umwelt missachtet. Auch die unlängst mit zweijähriger Verspätung vorgestellte Verkehrsuntersuchung zur landseitigen Verkehrsanbindung des Hafens werfe mehr Fragen auf als beantwortet würden. Die BI Hafenalarm und der BUND forderten die Stadtverwaltung auf, jetzt unabhängige Gutachten zu den möglichen Chancen und Risiken eines Hafenausbaus einzuholen.

BI und BUND kritisieren den nach wie vor unbelegten Bedarf für den Hafenausbau. Das von den Neuss-Düsseldorfer Häfen (NDH) im November 2012 vorgelegte Gutachten der Firma Planco sei als Planungsgrundlage vollkommen unbrauchbar. Planco behauptete damals einen Bedarf der örtlichen Industrie an Containertransport und berief sich zur Begründung auf eine schriftliche Befragung und "vertiefende persönliche Gespräche mit Unternehmern". Das sei im höchsten Maße unseriös. Trotzdem übernehme das aktuelle Verkehrsgutachten diese unbelegten Annahmen. Auch weitere Aussagen seien nicht nachvollziehbar.

„Das von den Neuss-Düsseldorfer Häfen in Auftrag gegebene private Verkehrsgutachten ist zeitlich überholt und inhaltlich fehlerhaft“, sagte Ulla Wietz von der BI Hafenalarm. Die Verkehrssituation im Düsseldorfer Süden könne das IVV-Gutachten nicht richtig erfassen: Längst überholte Verkehrszahlen aus Untersuchungen von 2008 und 2009 seien nicht sachdienlich. So werde etwa der Verkehr aus dem SEGRO-Gewerbepark an der Bonnerstraße, wo gerade ein DHL-Zentrum entsteht, nicht berücksichtigt.

Die sensibelste und zum zukünftigen Verkehrschaos vorbestimmte Kreuzung Bonnerstraße/Münchener Straße/Niederheider Straße würde in ihrer Komplexität nicht analysiert: Hier sollen die 350 Meter langen Container-Güterzüge im Schritttempo die U-Bahn-Gleise und die Bonnerstraße unter der hochgelegten Münchener Straße mit ihren Abzweigungen kreuzen. Laut Gutachten werden 40 Zugbewegungen am Tag erwartet mit einer jeweiligen Querungszeit von "max. 3 Minuten".

„Dieses Ergebnis präsentiert das Gutachten, man höre und staune, nicht auf Grund eigener Messungen, sondern nach Angabe des Auftraggebers“, kritisierte BI-Sprecherin Daniela Kamp-Beutgen. Die Bürgerinitiative macht eine andere Rechnung auf: Bei Schritttempo (1m/sec) benötige ein 350 Meter langer Zug über die circa. 50 Meter breite Bonnerstraße 400 Sekunden, gleich 6 min. 40 sec. „Bei 40 Zugbewegungen laut Gutachten ist die Kreuzung dort in 24 Stunden knapp 4 1/2 Stunden dicht“, konstatierte Kamp-Beutgen.

Ein Fußgängerverkehr findet an dieser Kreuzung laut Gutachten gar nicht statt- dabei liegen Jobcenter und Fitnesscenter in unmittelbarere Nähe. Auch der Rheinradweg würde „geopfert“: Er soll am Trippelsberg am Schwerverkehr entlang geführt und muss zwei Ampelkreuzungen queren. Unfälle mit Radfahrern seien damit vorprogrammiert. Auch der geplante Radschnellweg müsse nach seiner Routenplanung mit den Problemen an der  Kreuzung Niederheid fertig werden.

Auch andere Probleme blende die NDH „offenbar vorsätzlich“ aus, so der BUND. So behaupte die Hafengesellschaft in der Pressemitteilung vom 31. Mai 2016, Naturschutzbelange seien bereits im Vorfeld mit verschiedenen Ansprechpartnern ermittelt und erste Lösungsansätze diskutiert worden. Detailprüfungen erfolgten im weiteren Verfahren der Bauleitplanung für die verschiedenen Hafenbereiche. Dabei geht es insbesondere um die Zerstörung des Lebensraums der streng geschützten Zauneidechse und anderer wärmeliebender Tier- und Pflanzenarten und die Zerstörung des Biotopverbunds zwischen Schlosspark Benrath und Himmelgeister Rheinbogen. "Bereits im Jahr 2012 entwickelte der BUND mit den Neuss Düsseldorfer Häfen Lösungsansätze für die entstehenden Naturschutz-Konflikte“, sagte der Sprecher der BUND Kreisgruppe Düsseldorf Michael Süßer. „Im aktuellen Planentwurf sind diese nicht mehr zu finden."

Der BUND befürchtet zudem eine weitere Verschärfung der Luft- und Lärmsituation im Düsseldorfer Süden. Bei bis zu 1.200 zusätzlichen Lkw-Fahrten würden die Anwohner durch zusätzliche Immissionen gefährdet. „Dazu kommen die Luftschadstoffe aus dem Schiffsverkehr“, sagte der Geschäftsleiter des BUND in NRW Dirk Jansen. „Die Binnenschifffahrt ist bislang leider keine vollwertige ökologische Alternative zum Gütertransport.“

Zwar verursachten Binnenschiffe bezogen auf transportierte Gütermenge und Distanzkilometer geringere Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) als der Straßenverkehr. Vor allem für Stickoxide (NOX) und Feinstaub (PM10) hingegen liegen die Emissionen von Schiffen aber über denen von Straße und Schiene. „Betrachtet man am Rhein einmal die Schadstoffe, die durch die Binnenschifffahrt in die Luft ausgestoßen werden, dann ist der Fluss nach Angaben des Landesumweltamtes durchaus mit einer stark befahrenen Autobahn vergleichbar“, so Jansen. Grund dafür ist, dass die aktuellen Abgasanforderungen selbst für neue Schiffsmotoren bei gleicher Motorleistung bei weitem noch nicht dem Standard moderner LKW entsprechen.

Zudem befürchtet der BUND massive Eingriffe in das Rhein-Ökosystem. So sehe die Landesregierung den Hafenstandort Reisholz weiterhin als Hinterland-Hub für die Nordseehäfen. „Das erklärt auch, warum Landesverkehrsminister Michael Groschek an einer Abladeverbesserung und Sohlenstabilisierung am Rhein bis Köln festhält“, erklärte BUND-Experte Jansen. Eine solche „Rheinvertiefung“ aber sei mit gravierenden ökologischen Folgen verbunden und verstoße gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie.

Angesichts der sich abzeichnenden unlösbaren Zielkonflikte und der ungeklärten Finanzierungsfrage forderten BI Hafenalarm und BUND die Politik in Stadt und Land auf, zusammen mit Anwohnern, Künstlern und ansässigen Firmen einen städtebaulich attraktiven“ Plan B“ zu entwickeln. Ansonsten sei ein langes und zähes juristisches Ringen vorprogrammiert.

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