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BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen

Verschwindende Dörfer

Seit Ende des 2. Weltkriegs wurden in Ost- und Westdeutschland insgesamt etwa 300 Ortschaften durch die Gewinnung der Braunkohle devastiert, mehr als 120.000 Menschen wurden umgesiedelt. Eine Fläche von etwa 1.000 km2 wurde irreversibel zerstört.

Allein im Rheinland werden bis zum Jahre 2045 – wenn die Bagger nicht gestoppt werden – etwa 45.000 Menschen zugunsten der Braunkohlengewinnung  aus ihrer Heimat vertrieben worden sein. Mindestens 130 Ortschaften und Weiler mit zum Teil Jahrtausende alter Siedlungskontinuität werden dann zerstört worden sein – auch wenn sie an anderer Stelle wieder neu entstehen. Eine gemeinsame Umsiedlung bleibt meistens ebenso Fiktion, wie ein vollständiger Erhalt der sozialen Strukturen.

Derzeit laufen die Umsiedlungsplanungen für Manheim sowie Morschenich (Tagebau Hambach). Auch das Verfahren zur Umsiedlung von Keyenberg, Unter- und Oberwestrich, Kuckum und Berverath Bereich des Tagebaus Garzweiler II hat begonnen.

Wir stellen hier die verschwindenden Dörfer im Tagebau Garzweiler vor:

Berverath

© D. Schubert

In den Urkunden des Klosters Neuwerk erstmals erwähnt ist der Ort im Jahre 1377 als ‚Berveldroide‘. Berveld ist eine Kurzfassung des altdeutschen Rufnamens Beroald, sprich Bärwald. ‚Berveldroide‘ heißt danach ‚Rodung des Bärwaldes‘. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Dorf weitgehend zerstört. Von 1466 bis 1802 besaß das Kölner Stift St. Maria im Kapitol einen großen Hof, ein freies und lehnsunabhängiges Rittergut, am nördlichen Dorfende.  Die stark landwirtschaftlich geprägte Siedlung gehörte jahrhundertelang zur Gemeinde Keyenberg und besitzt daher auch heute noch enge Beziehungen zu diesem Ort.

Borschemich (ausgelöscht)

© D. Jansen

Als Birsmiki wurde der Ort erstmals im Jahre 898 urkundlich erwähnt. 1396 erscheint der Name als Bursmich, 1618 als Borschemich. Herausragendes Baudenkmal von Borschemich ist Haus Paland. Dieses um 1600 errichtete Wasserschloss war Stammsitz der Edelherren von Borschemich, die erstmalig zwischen 1135 und 1180 urkundlich erwähnt wurden. Borschemich war ursprünglich Königsgut. König Zwentibold von Lothringen (895-900) schenkte am 4. Juni 898 dem Stifte Essen u.a. auch Besitztümer in Holzweiler und Borschemich. Von seinen ursprünglich etwa 650 EinwohnerInnen sind derzeit nur noch Vereinzelte verblieben. Im Laufe des Jahres 2016 wird der Ort vollständig devastiert.

Holz

© D. Jansen

Die zur Gemeinde Jüchen gehörende Ortschaft Holz mit ihren etwa 519 EinwohnerInnen in 146 Häusern wurde bis zum Jahr 2008 weitgehend devastiert. Der Ortsname geht auf einen Hof aus dem 15. Jahrhundert zurück, dessen Besitzer „Wynandt“ genannt wurde und nach dem das Dorf zeitweilig in verschiedenen Schreibweisen Weinandts- oder Winanddtsholz genannt wurde. Bekannt wurde der Ort durch die nach einem Kölner Vorbild 1665 gestiftete „Loreta-Kapelle“.  Am 22. Januar 2011 um 16 Uhr verschwand mit der Sprengung des Wasserturms Holz endgültig von der Landkarte. 

Holzweiler (gerettet)

© D. Jansen

Das Dorf wurde zur Zeit der Merowinger gegründet, in der Zeit der Landnahme und frühen Ausbauzeit. Diese endete im frühen 9. Jahrhundert. Im Jahre 898 schenkte König Zwentibold von Lothringen dem Frauenstift Essen Holtvilare. Über 900 Jahre übte seitdem das Stift die Grundherrschaft aus, bis um 1802 die Franzosen die Stifte und Klöster säkularisierten. Am 1. Januar 1972 wurde Holzweiler nach Erkelenz eingemeindet. Zu Holzweiler gehören auch drei einzelliegende Höfe, der Roitzerhof, der Eggerather Hof und der Weyerhof. Die insgesamt etwa 1.300 Einwohner sollten bis 2027 den RWE-Baggern weichen.2016 beschloss die Landesregierung, Holzweiler nicht abzubaggern.

Immerath

© D. Jansen

Erstmals wurde die Ortschaft 1144 als Emundrode urkundlich erwähnt. Von 1794 bis 1814 gehörte Immerath zu Frankreich und bildete eine Mairie (Bürgermeisterei). Im Jahr 1815 gelangte Immerath an Preußen und wurde 1816 Bürgermeisterei im Landkreis Erkelenz. Die Bürgermeisterei wurde 1935 aufgelöst, Immerath wurde Spezialgemeinde und mit dem Amt Holzweiler vereinigt. Am 1. Januar 1972 wurde das Amt aufgehoben, Immerath gelangte nun zur Stadt Erkelenz.

Am 9. Januar 2018 haben die RWE-Bagger den Immerather Dom abgerissen. Damit beginnt das letzte Kapitel der Devastierung dieser Siedlung. 

Keyenberg

© D. Jansen

Der ebenfalls zu Erkelenz gehörende Ort wurde im Jahre 893 erstmals urkundlich als ‚cheyenburghc‘ erwähnt. Damals befand sich ein befestigter Herrenhof im Besitz der Abtei Prüm, hinzu kamen die Kirche und zehn kleinere Höfe. Der Herrenhof lag nicht auf einem Berg sondern in der Niersniederung. 1381 wurde er Keyenberch genannt. Im Dorf existierten im Mittelalter zwei Rittersitze: Haus Keyenberg und Haus Pattern, die letztere Burg wurde 1642 zerstört. Was weder der Dreißigjährige Krieg noch die französischen Herrschaft von 1794 bis 1814 geschafft haben, sollen die RWE-Bagger vollbringen. Keyenberg soll bis 2023 vollständig devastiert werden.

Kuckum

© D. Schubert

Auch Erkelenz-Kuckum blickt auf eine mehrhundertjährige Geschichte zurück. Der Ortsname deutet auf eine Gründung zur Fränkischen Landnahmezeit ab dem 6. Jahrhundert hin. Verschiedene Schreibweisen des Ortsnamens liegen vor: 1300 Kucheym, 1398 Kocheim, 1456 Kuckhem, 1470 Koukkum, 1474 Kockem und schließlich 1535 Kuckum. Der Ortsname besteht aus dem Wort Kuch- oder Kuck und dem Grundwort -heim. Kuckum bedeutet Heim des Gugo. Bei Kuckum befand sich einstmals die Quelle der Niers, die wegen des Sümpfungseinflusses längst nach Norden gewandert ist. RWE plant, die Ortschaft im Jahre 2027 abzubaggern.

Lützerath

© D. Jansen

Die Ortschaft wurde erstmals 1168 in einer Urkunde als Lutzelenrode erwähnt. In der Urkunde bestätigte der Kölner Erzbischoff Philipp den Nonnen von Neuwerk den rechtmäßigen Besitz der Gutes. Aus dem Jahre 1651 ist der heutige Name überliefert. Im Ortsnamen ist der althochdeutsche Personenname Lutzelin, abgeleitet von Luzo (Ludwig), enthalten. Der Name bedeutet also Rodung des Luzelin. Lützerath gehörte jahrhundertelang zur Gemeinde und Pfarre Immerath. Seit 2006 wird Lützerath umgesiedelt, da es ab ca. 2017 dem Tagebau Garzweiler weichen soll.

Oberwestrich/Unterwestrich

© D. Schubert

Westrich wurde am 28. Juni 1285 im Rahmen eines Kaufvertrages erstmalig urkundlich erwähnt. Der Ortsname setzt sich aus dem althochdeutschen ‚westar‘ (westlich) und ‚richi‘ (Reich, Landstrich) zusammen. 1377 wurde ein freiadeliger Hof, der Hoyve tot Westrich erstmals genannt. Die Benediktiner Abtei Gladbach besaß von 1285 bis 1794 Zinsgüter in Westrich. Das Kreuzherrenkloster von Wickrath hatte einen Erbpachthof, dieser wurde an die Erbpächter verpachtet. Der Zourshof war im Mittelalter der Sitz der Ritter von Zours. 

Otzenrath (ausgelöscht)

© D. Jansen

Das ursprüngliche Doppeldorf Otzenrath blickt auf eine über 800 Jahre alte Geschichte zurück. Erstmals urkundlich erwähnt wurde „Osrotha“ im 11. Jahrhundert. Die Silhouette des Ortes wurde bis zum Abriss von den denkmalgeschützten Backsteinkirchen St. Simon und Thaddäus (1869/70) und ihrem evangelischen Pendant (1910) bestimmt.

Damit ist es nun vorbei: Die ehemals 1.780 Einwohner mussten den RWE-Baggern für den Tagebau Garzweiler II weichen und versuchen nun, am neuen Standort auch eine neue Heimat aufzubauen. Mit dem Dorf und dessen historisch-kulturellen Werten verschwindet auch eine Jahrtausende alte Kulturlandschaft.

Pesch (ausgelöscht)

© D. Jansen

Die Ortslage wurde erstmals als ‚werencenrode‘ im Jahre 1265 erwähnt. Dieser wurde vom gleichnamigen Rittergut, das am westlichen Ortsrand liegt, abgeleitet. Das Rittergut war Kern der Siedlung. Der später eingebürgerte Name Werretsrath wurde erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch den Namen Pesch verdrängt. Das Rittergut wurde 2010 abgerissen. Die zur Stadt Erkelenz gehörende Ortschaft mit ihren 95 Anwesen wurde 2014 dem Erdboden gleich gemacht. 

Umsiedlungen im Rheinischen Braunkohlenrevier

Seit mehr als 30 Jahren wehren sich die Betroffenen gegen Garzweiler II.

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