BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen

Braunkohlentagebau Hambach

Das "größte Loch Europas" ist seit vier Jahrzehnten umstritten. Es gibt kaum einen größeren Eingriff in Natur, Kulturlandschaft, und Gewässerhaushalt als diesen Tagebau.


 

 

Tagebau Hambach - das "größte Loch Europas". © D. Jansen

Mehr als 40 Jahre Umweltzerstörung

Im Jahre 1978 wurde mit dem Aufschluss des Braunkohlentagebaus Hambach in der Niederrheinischen Bucht bei Köln begonnen. Seitdem entsteht zwischen Bergheim und Jülich das “größte Loch Europas”: Auf einer Fläche von 85 Quadratkilometern dringen die Bagger in Tiefen von über 350 Metern vor, um die Kohle zu fördern. Die RWE Power AG plante in Hambach den Abbau von insgesamt 2,4 Milliarden Tonnen Braunkohle bis zum Jahre 2040.

Bis Ende 2017 wurden etwa 5.940 Hektar Landschaft in Anspruch genommen; die reine Betriebsfläche lag Ende 2017 bei 4.380 ha. 1.575 ha wurden bis Ende 2017 wieder nutzbar gemacht.  Von dem vor der bergbaulichen Inanspruchnahme etwa 4.100 Hektar großen "Hambacher Wald"  sind noch etwa 650 Hektar übrig.

Für den Tagebau sollen bis 2040 insgesamt etwa 5.200 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden. Seit  dem vom BUND gerichtlich erwirkten Rodungsstopp ist klar, dass nicht nur die Restflächen der Bürgewälder erhalten bleiben, sondern auch Merzenich-Morschenich.

Auch die weitgehend abgeschlossene Umsiedlung von Kerpen-Manheim war überflüssig. Trotzdem will RWE an der weiteren Zerstörung festhalten, um in dem Bereich östlich des Waldes auf etwa 600 Hektar Fläche 250 Mio. m3 Material zur Gestaltung der Innenkippe des Tagebau zu gewinnen. Dafür sollen wertvolle Agrarflächen zerstört und der Hambacher Wald weiter gefährdet werden.

Tagebau Hambach und Umweltschutz

Feinstaub ist ein großes Tagebau-Problem. © D. Jansen

Ursprünglich plante die RWE Power AG eine durchschnittliche Förderung im Tagebau Hambach von bis zu 50 Mio. t/a Braunkohle. Die noch gewinnbare Kohlemenge lag Ende 2019 bei 1,25 Mrd. t. Die Kohle wird in erster Linie im Kraftwerk Niederaußem eingesetzt. Dieses Kraftwerk ist einer der größten Kohlendioxid-Emittenten Europas. Jährlich wurden hier etwa 27 Mio. Tonnen des Treibhausgases ausgestoßen, dazu mehr als 400 t der krank machenden Feinstäube sowie zahlreiche Schwermetalle, wie z.B. etwa 530 kg des Nervengiftes Quecksilber sowie Cadmium, Blei, Arsen, etc.

Jahrelang leugneten Tagebaubetreiber und Behörden die vom Tagebau verursachten Emissionen der extrem gesundheitsschädlichen Feinstäube. Erst die Recherchen des BUND und der BG Niederzier im Jahr 2003 brachten die Gefahr an den Tag: Der Tagebau ist lokal die dominierende Quelle für den Ausstoß der gefährlichen Partikel. Jetzt werden die Schadstoffe kontinuierlich überwacht, ein Luftreinhalteplan zur Einhaltung der geltenden Grenzwerte ist in Kraft. Durch Maßnahmen im Tagebau konnte die Belastung gesenkt werden; eine Entwarnung kann jedoch noch nicht gegeben werden.

Super-GAU für Natur und Grundwasser

Der einzigartige Hambacher Wald. © D. Jansen

Ursprünglich sollte bis zum Jahre 2040 mit dem 12.000 Jahre alten Hambacher Wald der wichtigste Lebensraumtyp dieser Art in der Region bis auf wenige Reste für den Braunkohlentagebau Hambach zerstört werden. Der Wald gehört zu den letzten Bereichen der schon im 10. Jahrhundert von Kaiser Otto II. urkundlich erwähnten so genannten Bürgewälder. Es handelt sich um naturnahe Wälder, deren Entwicklung seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung nie unterbrochen wurde. Als besondere botanische "Spezialität" haben sich in diesem Wald noch natürliche Vorkommen von Winterlinden erhalten, die in der Wärmeperiode des Atlantikums vor etwa 3.000 bis 6.000 Jahren eingewandert waren. Mit seinen (eigentlich) streng geschützten Lebensraumtypen und zwei Kolonien der seltenen Bechsteinfledermaus ist der Wald von europaweiter Bedeutung. Der BUND kämpft daher seit vielen Jahren für dessen Ausweisung als europäisches Schutzgebiet gemäß der FFH-Richtlinie.

Zur Trockenlegung des Tagebaus wird das Grundwasser seit 1976 großflächig abgesenkt (“gesümpft”). Durch die Grundwasserhebung und -ableitung von bis zu 450 Mio. m3/a (!) wird die Erftscholle weitgehend trockenfallen. Insgesamt werden bis zum geplanten Tagebauende fast 45 Milliarden m3 Grundwasser gesümpft worden sein. Die Entwässerung dringt dabei bis in Tiefen von 550 m vor. Es wird Jahrhunderte dauern, bis sich nach Beendigung der Tagebautätigkeiten wieder natürliche Grundwasserverhältnisse einstellen.

Gigantischer Restsee

Geplanter Endstand laut Braunkohlenplan.

Nach Ende des Tagebaus vebleibt ein gigantisches Restloch. Dieses soll künstlich mit Wasser, welches per Pipeline vom Rhein herangeführt werden soll, befüllt werden. Jährlich müssten bis zu 270 Mio. m3 Rheinwasser in das Loch gepumpt werden. Trotzdem wird es bis zum Ende des Jahrhunderts dauern, ehe die geplante Befüllung vollständig ist. Auch nachdem der See seinen geplanten End-Wasserspiegel erreicht hat, wird über Jahrzehnte eine künstliche Zufuhr notwendig sein, da gigantische Wassermengen im Untergrund verschwinden.

Letzendlich entsteht ein See mit einer Fläche von etwa 4.200 ha, einer Tiefe von bis zu 400 m und einem Wasservolumen von etwa 4 Mrd. m³. Dieser wäre der tiefste und (nach Volumen) der zweitgrößte See Deutschlands nach dem Bodensee. Durch den Schadstoffaustrag aus den Innenkippen droht dieser See zu versauern. Inwieweit die Standsicherheit der gigantischen Böschungen garantiert werden kann, vermag heute niemand sicher zu prognostizieren.

Kollateralschäden

Horrorszenario für Kerpen-Buir.

Der Tagebau Hambach ist der größtmögliche Eingriff in Natur, Landschaft und soziale Strukturen. Doch damit nicht genug: Auch die Verlegung der Hambachbahn, die die Kohle in das Kraftwerk Niederaußem transportiert, und die mit dem Fortschreiten des Tagebaus verbundene Neutrassierung der Bundesautobahn A 4 schädigen die Natur und bringen unzumutbare Belastungen für die Bevölkerung. Nicht nur dass der Lebensraum der seltenen Bechsteinfledermaus und anderen Rote Liste-Arten zerstört wird, auch die Bevölkerung - insbesondere von Kerpen-Buir - wird in ihrer Lebensqualitität stark beeinträchtigt. Im schmalen Streifen zwischen Ortschaft und Tagebau verlaufen neben der bestehenden DB-Strecke Aachen-Köln zudem die Hambachbahn (288 Zugbewegungen täglich) und die sechstreifig erweiterte Bundesautobahn A4. Viele Immobilien werden entwertet, was einer Form "kalter Enteignung" gleichkommt.

Mit dem BUND-Erfolg vor Gericht und dem Erhalt der Restflächen des Hambacher Waldes bleibt den Buirern zumindest ein Horrorszenario erspart: der dann bis zu 450 m tiefe Tagebau wird definitiv nicht bis auf 250 m an den Ort heranrücken.

Hambach und Umsiedlung

Für den Tagebau wurden bislang etwa 5.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und umgesiedelt. Nach den RWE-Plänen sollen jetzt auch noch die letzten Menschen in Kerpen-Manheim folgen, obwohl dort keine Kohle mehr gefördert wird. Auch Merzenich-Morschenich wurde zum großen Teil schon umgesiedelt. Dabei ist jetzt endgültig klar, dass der Ort erhalten bleibt. Insgesamt wohnten in beiden Siedlungen ursprünglich 2.100 Menschen. Hier zeigt sich der ganze Zynismus der Braunkohlenwirtschaft. Dörfer werden im vorauseilendem Gehorsam umgesiedelt, Existenzen zerstört, menschliches Leid provoziert.

Diese Zwangsvertreibung zugunsten der betriebswirtschaftlichen Interessen von RWE ist mit dem grundgesetzlich garantierten Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Heimat und Eigentum unvereinbar. Eine Rechtfertigung für weitere Zerstörungen existiert nicht.

BUND-Widerstand

Der BUND wehrt sich gegen die Zwangsenteignung. © D. Jansen

Seit vielen Jahren kämpft der BUND gegen den Tagebau Hambach und für eine zukunftsfähige Energieversorgung. Gegen den 2. Rahmenbetriebsplan zur Fortführung des Tagebaus von 1996 bis 2020 ist der BUND durch alle gerichtlichen Instanzen bis vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Leider folgten die deutschen Richter noch nicht unserer Argumentation von der Europarechtswidrigkeit der Rahmenbetriebsplanzulassung. Eine Klage des BUND gegen die Hauptbetriebsplanzulassung für den Zeitraum 2011 bis 2014 scheiterte aus vorgeschobenen formalen Gründen. Zudem klagte der BUND vor dem Bundesverwaltungsgericht mit Unterstützung der Aktionsgemeinschaft der Bürgerinitiativen gegen die Verlegung der A 4. Auch die Buirer für Buir unterstützten eine Klage gegen die Autobahnverlegung. Diese Klage ging letztendlich trotz zahlreicher durchgesetzter Verbesserungen für Mensch und Natur verloren.

Aktuell klagt der BUND gegen die u.E. rechtswidrige Zulassung des 3. Rahmenbetriebsplans zur Fortführung des Tagebaus bis zum Jahre 2030. Zudem hat die RWE Power AG das Grundabtretungsverfahren zur Inanspruchnahme des BUND-Grundstücks bei Kerpen-Manheim beantragt. Gegen diese Zwangsenteignung setzen wir uns zur Wehr.

Am 5. Oktober 2018 haben wir dann den Durchbruch erzielt: Das OVG Münster folgte unserem Eilantrag und verhängte einen Rodungsstopp im Hambacher Wald. Tags darauf feierten 50.000 Menschen gemeinsam mit uns diesen großartigen Erfolg.


Medienbeitrag

Am Hambacher Wald entscheidet sich die Zukunft der Energiewende

29.08.2018

Der im Rheinland gelegene Hambacher Wald ist bundesweit zum Symbol für die energiepolitische Zukunft Deutschlands geworden. Der BUND und viele umweltbewegte Bürger*innen kämpfen seit Jahren friedlich für den Stopp der Braunkohlenbagger und die Rettung des Waldes. Dort wird es sich entscheiden: Gelingt der schnelle Abschied vom Klimakiller Braunkohle oder setzen sich die alten Beharrungskräfte durch?

Dirk Jansen, Geschäftsleiter Bund für Umwelt und Naturschutz in NRW 

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BUND-Hintergrund, 2018

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Steckbrief Hambach

ursprüngl. gepl. Abbauzeitraum bis ca. 2045 (neu: Laufzeit bis 2030)

Flächeninanspruchnahme: 85 km², davon 41 km² Wald (neu: 650 ha Wald bleiben erhalten)

Kohleinhalt: insges. 2,4 Mrd. t;

Restkohle (Anfang 2020): 1,25 Mrd. t, wovon 1,1 Mrd. t im Boden bleiben

gepl. Förderung: max. 50 Mio. t pro Jahr, derzeit (2019) 28,4 Mio. t/a

Flöztiefe: bis ca. 450 m

Abraum: 15,4 Mrd. m³

Kohle : Abraum-Verhältnis: bis 1 : 10

Sümpfungswassermenge:  321 Mio. m³/a (2019); insges. etwa 44,5 Mrd. m³

Sümpfungstrichter: gesamte Erftscholle hydrologisch "tot"

Beeinflussungsdauer: mehrere hundert Jahre

Restsee: 450 m tief,  3.800 ha Fläche, 4,6 Mrd. m³ Volumen; künstl. Befüllung mit max. 270 Mio. m³ Rheinwasser p.a.; Befüllungsdauer: bis mind. zum Jahr 2100

Außenkippe (Sophienhöhe): 2,2 Mrd. m³ Abraum, 10 km² Fläche, 220 m Höhe

Umsiedlung: 5.200 Menschen

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