Rechtlicher Rahmen
Nach der EG-Wasserrahmenrichtlinie sind oberirdische Flüsse so zu bewirtschaften, dass eine nachteilige Veränderung vermieden und ein guter ökologischer Zustand erreicht wird. Für die Festlegung von Einleitbedingungen für Kühlwasser ist die Fischfauna derzeit der Ausschlag gebende Bewertungsparameter: Die EG-Fischgewässerqualitätsrichtline unterscheidet Salmoniden- und Cyprinidengewässer und legt für beide Gewässertypen verbindliche Wassertemperatur-Grenzwerte fest. Die Abwärme darf nicht dazu führen, dass die Temperatur in der Zone unterhalb der Einleitungsstelle folgende Werte überschreitet: Salmonidengewässer (Lachs, Forellen, Aeschen, Renken): 28 °C, Cyprinidengewässer (Karpfen, Hechte, Barsche, Aale): 21,5 °C.
Problemaufriss
Seit den 1970er Jahre ist ein Anstieg der mittleren Wassertemperatur des Rheins um etwa 2,5 °C zu verzeichnen. Laut niederländischen Studien liegt dieser seit 1900 bei 3°C, wobei 2° auf Kühlwassereinleitungen sowie 1° auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Das NRW Umweltministerium rechnet allein für die Periode von 1995 bis 2005 mit einer Zunahme um 1,5°C. An der Messstelle Lobith wurden Temperatursprünge von 2,4 bis 3,5 ° C registriert. Seit 1963 ist kein Eisgang mehr auf dem Rhein zu verzeichnen.
Dabei gibt es kein aktuelles Abwärmekataster; die letzte Inventarisierung stammt aus dem Jahr 1989. Nach den deutschen Erhebungen mit Bezugsdaten aus den Jahren 2000 und 2004 betragen die Wärmefrachten des Rheins 17.309 MW; 78 % der Abwärmefrachten stammen aus Kraftwerken; NRW trägt mit einem Drittel (5.736 MW) zur Erwärmung des Rheins durch Abwärme bei; der Anteil der Kraftwerke liegt in NRW bei 66 %. Fast 600 Liter Wasser pro Einwohner und Tag werden in Deutschland zur Kühlung von Kraftwerken für die Stromerzeugung eingesetzt.
Ökologische Auswirkungen
Neben der Gewässerströmung sowie dem Geschiebehaushalt ist die Temperatur der die Flora und Fauna am stärksten prägende abiotische Faktor in Fließgewässern. Alle physiologischen Lebensvorgänge der Wasserorganismen hängen von der sie umgebenden Wassertemperatur ab. Eine Temperaturerhöhung hat erhebliche Konsequenzen für das Überleben, insbesondere bei gleichzeitigem Auftreten von Niedrigwasser und hohen Temperaturen.
Der Rhein und die meisten seiner Nebengewässer weisen natürliche Wassertemperaturen auf, die zwar im Sommer über 20 °, jedoch unter 25°C liegen. Erst mit der Belastung durch Kühlwassereinleitungen und der Klimaerwärmung werden Temperaturen von 28°C und mehr erreicht (z.B. im Sommer 2003).
Bereits ab 23 °C Wassertemperatur nehmen die Wanderaktivitäten der Salmoniden (Lachs, Maifisch, etc.) ab; ab 24-25°C gelangen diese vorübergehend zum Stillstand. Zu den Beobachtungen aus den Hitzesommern 2003 und 2006 gehören neben dem Absterben von Süßwassermuscheln, der (die Gesundheit gefährdenden) Blaualgenblüte vor allem Beeinträchtigungen der Fische (Beispiel: Massensterben von Aalen 2003, trotz Letaltemperatur > 30°C). Für die Äsche liegt die Letaltemperatur. bei 26°C, ein Absterben konnte allerdings bereits auch schon bei 23°C beobachtet werden.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gingen die Artenzahlen im Rhein dramatisch zurück. Waren früher in der Makrozoobenthos-Lebensgemeinschaft noch 165 Arten bekannt, so gingen diese mit steigender Abwasserbelastung und sinkendem Sauerstoffgehalt zurück. Von 100 nachgewiesenen Insektenarten blieben zu Beginn der 1970er Jahre nur noch fünf übrig.
Seitdem ist eine Erholung zu verzeichnen, die allerdings in Bezug auf die Fischfauna zum Teil nur durch erhebliche finanzielle Anstrengung und durch künstliche Wiederansiedlungsmaßnahmen (Lachs, Maifisch) zustande kam.
Schlussfolgerungen
Zusätzliche thermische Belastungen müssen unter allen Umständen vermieden werden, da diese – auch angesichts des fortschreitenden Klimawandels – ein unkalkulierbares zusätzliches Risiko darstellen.
Das Verhalten der Wanderfische erfordert sogar die Reduktion der anthropogenen Wärmeeinleitungen in den Rhein und seine Nebenflüsse (Lippe!) und legt einen Grenzwert von 25°C nahe.
Der Klimawandel wird zu einer weiteren Temperaturerhöhung führen. Hitzesommer wie in 2003 und 2006 werden in ihrer Frequenz zunehmen. Das gute ökologische Potenzial im Rhein und seiner Nebenflüsse ist damit – anders als von der EU-Wasserrahmenrichtlinie gefordert – in Zukunft nicht mehr erreichbar. Verschärfte Einleitbedingungen werden daher notwendig, die allerdings zu schlechteren Wirkungsgraden der mit Durchflusskühlung betriebenen Kraftwerke führen werden. Daher ist der Bau neuer Kohlekraftwerke nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen riskant.