Sie befinden sich hier:

Rhein wird aufgeheizt - BUND befürchtet Fischsterben

Industrie und Kohlekraftwerke heizen den Rhein auf / Rhein in NRW bis zu 3,5°C wärmer als vor 100 Jahren / Stopp der Kraftwerksplanungen in Düsseldorf und Krefeld unabdingbar

 

Der nordrhein-westfälische Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert eine drastische Absenkung der Abwärmeeinleitungen in den Rhein. Schon jetzt liege die Rheintemperatur an der deutsch-niederländischen Grenze bis zu 3,5 °C über dem natürlichen Niveau. Zwei Grad resultieren aus den Abwärmeeinleitungen - überwiegend aus Kraftwerken - entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse, ein Grad ist bereits auf den Klimawandel zurückzuführen. Wird diese Entwicklung nicht umgekehrt, drohe das Aussterben wichtiger Fischarten wie Lachs, Maifisch und Aal. Dies sind die Ergebnisse einer neu erstellten Studie des BUND zur Wärmelast des Rheins. 

 

Paul Kröfges, BUND-Landesvorsitzender: „ Die ökologische Situation des Rheins wird auch wegen der hohen Abwärmeeinleitungen zunehmend prekär. Trotzdem handeln die Behörden nicht. Es reicht nicht, Millionen von Steuergeldern in die Wiederansiedlung von Lachs und Maifisch zu stecken, ohne die ökologischen Rahmenbedingungen zu verbessern. Wir fordern Umweltminister Eckhard Uhlenberg auf, sich massiv in Berlin für die seit den 1980er Jahren diskutierte Abwärmeabgabe einzusetzen. In Zeiten eines sich rasant beschleunigenden Klimawandels müssen die Abwärmeeinleiter auch über den ökonomischen Hebel gezwungen werden, für Energieeinsparung und –effizienz zu sorgen und die thermischen Belastungen der Rheinökologie zu mindern.“

 

Der BUND kritisiert, dass der amtliche Wärmelastplan für den Rhein seit 1971 nicht mehr aktualisiert wurde. Mit seiner Studie legt der BUND erstmals wieder ein Abwärmekataster für das internationale Rheineinzugsgebiet vor. Die Studie wurde von den am Rhein liegenden BUND-Landesverbänden beauftragt und von Dr. Jörg Lange (Freiburg) bearbeitet.

 

Nach den deutschen Erhebungen mit Bezugsdaten aus den Jahren 2000 und 2004 betragen die Wärmefrachten des Rheins 17.309 Megawatt (MW). 78 % der Abwärmefrachten stammen aus Kraftwerken. Nordrhein-Westfalen trägt mit einem Drittel (5.736 MW) zur Erwärmung des Rheins durch Abwärme bei; der Anteil der Kraftwerke liegt in NRW bei 66 %. Größter Abwärmeeinleiter sind neben der BAYER AG in Leverkusen und Uerdingen die Kraftwerke in Düsseldorf, Duisburg und Voerde.

 

Dirk Jansen, BUND-Geschäftsleiter: „Sowohl wegen der Kohlendioxid-Einträge in die Atmosphäre, als auch wegen der geplanten Kühlwassereinleitungen in den Rhein ist der Bau neuer Kohlekraftwerke in Düsseldorf und in Krefeld unverantwortlich. Mit einer geplanten Feuerungswärmeleistung von mehr als 2.600 Megawatt würde diese den Rhein weiter aufheizen. Schon jetzt liegt die Rheintemperatur bei bis zu 28°C. Dabei stellen Lachse, die im Sommer den Rhein aufwärts wandern, bei 25 Grad Rheinwassertemperatur ihre Wanderung ein. Auch viele andere Fischarten sind akut gefährdet.“ 

 

Der BUND sieht mit dem Temperaturanstieg im Rhein und seinen Nebenflüssen (insbesondere Erft, Wupper, Lippe) auch die Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie in Frage gestellt. Diese schreibt vor, dass in den europäischen Flüssen der "gute ökologische Zustand" bis zum Jahr 2015 - mit Verlängerungsmöglichkeiten bis 2021 bzw. 2027 - erreicht werden muss.

 

Der Klimawandel wird dabei unweigerlich zu einer weiteren Temperaturerhöhung führen. Hitzesommer wie in 2003 und 2006 werden in ihrer Frequenz zunehmen. Das gute ökologische Potenzial im Rhein und seiner Nebenflüsse ist damit – anders als von der EU-Wasserrahmenrichtlinie gefordert – in Zukunft nicht mehr erreichbar.

 

Um Schlimmeres zu verhindern fordert der BUND, zusätzliche thermische Belastungen unter allen Umständen zu vermeiden und die Abwärmefrachten abzusenken. Zum Schutz der Wanderfische sei ein Grenzwert für die Rheinwassertemperatur von 25°C festzulegen. Unabdingbar sei auch die Aufstellung eines Wärmelastplanes mit der Verankerung entsprechender Maßnahmen zur Normalisierung der Wassertemperatur.

 

 

Hier finden Sie die Kurz- und Langfassung der BUND-Studie "Abwärmelast Rhein"

- Kurzfassung "Wärmelast Rhein"

- Langfassung "Wärmelast Rhein"

BUNDhintergrund „Wärmelast Rhein“ – Situation in NRW

Rechtlicher Rahmen

Nach der EG-Wasserrahmenrichtlinie sind oberirdische Flüsse so zu bewirtschaften, dass eine nachteilige Veränderung vermieden und ein guter ökologischer Zustand erreicht wird. Für die Festlegung von Einleitbedingungen für Kühlwasser ist die Fischfauna derzeit der Ausschlag gebende Bewertungsparameter: Die EG-Fischgewässerqualitätsrichtline unterscheidet Salmoniden- und Cyprinidengewässer und legt für beide Gewässertypen verbindliche Wassertemperatur-Grenzwerte fest. Die Abwärme darf nicht dazu führen, dass die Temperatur in der Zone unterhalb der Einleitungsstelle folgende Werte überschreitet: Salmonidengewässer (Lachs, Forellen, Aeschen, Renken): 28 °C, Cyprinidengewässer (Karpfen, Hechte, Barsche, Aale): 21,5 °C.

 

Problemaufriss

Seit den 1970er Jahre ist ein Anstieg der mittleren Wassertemperatur des Rheins um etwa 2,5 °C zu verzeichnen. Laut niederländischen Studien liegt dieser seit 1900 bei  3°C, wobei 2° auf Kühlwassereinleitungen sowie 1° auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Das NRW Umweltministerium rechnet allein für die Periode von 1995 bis 2005 mit einer Zunahme um 1,5°C. An der Messstelle Lobith wurden Temperatursprünge von 2,4 bis 3,5 ° C registriert. Seit 1963 ist kein Eisgang mehr auf dem Rhein zu verzeichnen.

Dabei gibt es kein aktuelles Abwärmekataster; die letzte Inventarisierung stammt aus dem Jahr 1989. Nach den deutschen Erhebungen mit Bezugsdaten aus den Jahren 2000 und 2004 betragen die Wärmefrachten des Rheins 17.309 MW; 78 % der Abwärmefrachten stammen aus Kraftwerken; NRW trägt mit einem Drittel (5.736 MW) zur Erwärmung des Rheins durch Abwärme bei; der Anteil der Kraftwerke liegt in NRW bei 66 %. Fast 600 Liter Wasser pro Einwohner und Tag werden in Deutschland zur Kühlung von Kraftwerken für die Stromerzeugung eingesetzt.

 

Ökologische Auswirkungen

Neben der Gewässerströmung sowie dem Geschiebehaushalt ist die Temperatur der die Flora und Fauna am stärksten prägende abiotische Faktor in Fließgewässern. Alle physiologischen Lebensvorgänge der Wasserorganismen hängen von der sie umgebenden Wassertemperatur ab. Eine Temperaturerhöhung hat erhebliche Konsequenzen für das Überleben, insbesondere bei gleichzeitigem Auftreten von Niedrigwasser und hohen Temperaturen.

Der Rhein und die meisten seiner Nebengewässer weisen natürliche Wassertemperaturen auf, die zwar im Sommer über 20 °, jedoch unter 25°C liegen. Erst mit der Belastung durch Kühlwassereinleitungen und der Klimaerwärmung werden Temperaturen von 28°C und mehr erreicht (z.B. im Sommer 2003).

Bereits ab 23 °C Wassertemperatur nehmen die Wanderaktivitäten der Salmoniden (Lachs, Maifisch, etc.) ab; ab 24-25°C gelangen diese vorübergehend zum Stillstand. Zu den Beobachtungen aus den Hitzesommern 2003 und 2006 gehören neben dem Absterben von Süßwassermuscheln, der (die Gesundheit gefährdenden) Blaualgenblüte vor allem Beeinträchtigungen der Fische (Beispiel: Massensterben von Aalen 2003, trotz Letaltemperatur  > 30°C). Für die Äsche liegt die Letaltemperatur. bei 26°C, ein Absterben konnte allerdings bereits auch schon bei 23°C beobachtet werden.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gingen die Artenzahlen im Rhein dramatisch zurück. Waren früher in der Makrozoobenthos-Lebensgemeinschaft noch 165 Arten bekannt, so gingen diese mit steigender Abwasserbelastung und sinkendem Sauerstoffgehalt zurück. Von 100 nachgewiesenen Insektenarten blieben zu Beginn der 1970er Jahre nur noch fünf übrig.

Seitdem ist eine Erholung zu verzeichnen, die allerdings in Bezug auf die Fischfauna zum Teil nur durch erhebliche finanzielle Anstrengung und durch künstliche Wiederansiedlungsmaßnahmen (Lachs, Maifisch) zustande kam.

 

 

Schlussfolgerungen

Zusätzliche thermische Belastungen müssen unter allen Umständen vermieden werden, da diese – auch angesichts des fortschreitenden Klimawandels – ein unkalkulierbares zusätzliches Risiko darstellen.

Das Verhalten der Wanderfische erfordert sogar die Reduktion der anthropogenen Wärmeeinleitungen in den Rhein und seine Nebenflüsse (Lippe!) und legt einen Grenzwert von 25°C nahe.

Der Klimawandel wird zu einer weiteren Temperaturerhöhung führen. Hitzesommer wie in 2003 und 2006 werden in ihrer Frequenz zunehmen. Das gute ökologische Potenzial im Rhein und seiner Nebenflüsse ist damit – anders als von der EU-Wasserrahmenrichtlinie gefordert – in Zukunft nicht mehr erreichbar. Verschärfte Einleitbedingungen werden daher notwendig, die allerdings zu schlechteren Wirkungsgraden der mit Durchflusskühlung betriebenen Kraftwerke führen werden. Daher ist der Bau neuer Kohlekraftwerke nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen riskant.

 

 

 

 

 



Direkt zur Online-Spende, Foto: eyewire / fotolia.com
Direkt zum Online-Antrag, Foto: eyewire / fotolia.com

Anstieg der Rhein-Temperatur bei Mainz zwischen 1976 und 2003

Verlauf der mittleren Tagestemperatur des Rheins im August 2003

Nachweiszahlen Lachs und Meerforelle bei der Staustufe Iffezheim in Abhängigkeit von den Abfluss- und Temperaturverhältnissen

Entwicklung der Lebensgemeinschaften im Rhein

Quelle: Schöll 2008

Wärmefrachten (Maximalwerte in Megawatt) aus Kühlwassereinleitungen im Rhein

Das Wuppereinzugsgebiet mit den wichtigsten Kühlwassereinleitungen

Wassertemperatur beeinflussende Einleiter in die Lippe

Die bedeutendsten Kühlwasserentnahmen im Lippe-Einzugsgebiet

Erft-Einzugsgebiet mit den wichtigsten Einleitern

Geplante oder im Bau befindliche Kraftwerke im Einzugsgebiet des Rheins

Suche

Metanavigation: