Ein Jahr PFT-Skandal in NRW; Eine Einschätzung aus Sicht des Umweltverbandes Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Von Paul Kröfges, Landesvorsitzender des BUND in NRW
REACH umsetzen, PFT verbieten, Ursachen bekämpfen.
Der Ausgangspunkt des PFT-Skandals darf nicht vergessen werden: Einerseits kriminelle Energie von profitsüchtigen Abfallentsorgern, andererseits der verfehlte Umgang mit Chemikalien, die von der Agro-, Pharma- und Chemieindustrie produziert, verkauft und in die Umwelt freigesetzt werden, ohne dass man genug über Eigenschaften und Risiken weiß oder der Öffentlichkeit mitteilt. Es ist ein unglaublicher Skandal, dass nach 50 Jahren PFT-Produktion (PFT = perfluorierte Tenside, eine Stoffgruppe hoch stabiler Verbindungen nicht natürlichen Ursprungs) das Wissen um die toxikologischen Auswirkungen dieser Stoffgruppe erst „am Anfang“ steht. PFT sind nach den REACH Kriterien (REACH = Europäische Richtlinie zur Registrierung, Bewertung und Zulassung von chemischen Substanzen) eindeutig „besonders Besorgnis erregende Stoffe“, da sie sehr schwer abbaubar sind und sich sehr stark in Pflanzen oder Tieren anreichern können. Daher ist zu fordern, dass endlich entsprechende Konsequenzen gezogen werden und diese Stoffgruppe verboten wird. Im Hinblick hierauf muss der Umweltminister des Landes darlegen, welche Betriebe in NRW diese Stoffe verwenden, welche Belastungen sie verursachen und wie diese minimiert werden können. Die aktuelle Aussage von Umweltminister Uhlenberg, „wir sind im Gespräch“, ist ein Armutszeugnis und gleicht einer Kapitulation.
Die Umweltverbände fordern seit langem eine vorsorgende und ökologisch ausgerichtete Chemie – und Umweltpolitik, die die Belastungen unserer Wasserquellen insgesamt verhindert, da dies den Schutz einer unserer wichtigsten Lebensgrundlagen (sauberes Trinkwasser) darstellt und es sich darüber hinaus auch noch um Lebensräume handelt, die vielfältige Funktionen ausfüllen. Mit das Ärgerlichste am PFT-Skandal ist doch, dass jetzt vor allem über Versäumnisse bei der Trinkwasseraufbereitung gestritten werden muss.
Unabhängig von Fehlern auf Seite der Wasserwirtschaft und Forderungen, die diesen gegenüber erhoben werden müssen, bleibt der BUND dabei: Der alleinige Bau von Trinkwasser–Aufbereitungsfabriken („end of the pipe“ - Lösung) wäre der falsche Weg, da dann – ausschließlich - die Verbraucher für Versäumnisse in der Vorsorge höhere Kosten aufbringen müssten und unsere Gewässer zur Opferstrecke würden. Die Konsequenzen müssen auf Produktions-, Verbraucher und Abwasserseite gezogen und umgesetzt werden.
Transparenz herstellen, Sanierung und Messung optimieren, Fehler und Rückschläge eingestehen.
Von April bis Juli 2007 wurden seitens der Behörden, Verbände und Wasserwerke zum PFT-Problem keine brauchbaren Daten, weder zur Belastung der Ruhr noch zu der des Trinkwassers der betroffenen Ruhrgebietsstädte veröffentlicht. So blieb Ablauf und Erfolg der Sanierungsmaßnahmen völlig unklar, offenkundig war eine begleitende öffentliche Diskussion unerwünscht. Mittlerweile weiß man, dass es Probleme zu Beginn der Sanierung gab, nach heftigen Regenfällen wieder deutlich erhöhte PFT Werte durch Auswaschung in Möhne und Ruhr, aber auch im Trinkwasser auftraten. Was fehlt, ist eine nachvollziehbare Darlegung der Messwerte über die Zeit, die Ursache und Wirkung erkennen lässt. Wie ist es möglich, dass der Ruhrverband lediglich monatliche Einzeldaten von Stichproben veröffentlicht, um damit einen vermeintlichen und deutlichen Rückgang der Belastung nachweisen zu können? Warum werden nicht dichtere Messfolgen und Zeitreihen veröffentlicht, die die Auswirkungen der Sanierung korrekt belegen würden? Gibt es eigentlich keine kontinuierlichen Messungen am Zulauf der Möhne oder anderswo, mit denen man z.B. 24-Stunden-Mischproben gewinnen könnte, wie dies etwa am Rhein bei den Probenahmen für die ARW (Arbeitsgemeinschaft der Rheinwasserwerke) und fast allen Kläranlagen als Selbstverständlichkeit praktiziert wird. Dies würde endlich korrekte Frachtberechnungen ermöglichen und Spekulationen den Boden entziehen.
Auch die Wasserwerke veröffentlichen nur Einzelwerte, meist in der Form von Mittel-, Mindest- und Maximalwerte und dann noch in der Dimension mg/l, damit möglichst viele Nullen hinter dem Komma stehen. Es besteht der Eindruck, dass man so von der Tatsache abzulenken versucht, dass man zeitweise in einigen Wasserwerken auf den Aktivkohlezusatz verzichtet und dadurch einen Anstieg der Gehalte an PFT weit über den gesundheitlichen Orientierungswert hinaus im Trinkwasser in Kauf genommen hat.
Minimierungsgebot der Trinkwasserverordnung beachten.
Insgesamt gesehen gibt es ein Jahr nach der offiziellen Aufdeckung des Skandals - und einer unbekannten Anzahl von Jahren vorhandener PFT–Belastung - an der Ruhr keine Entwarnung. Jetzt steht fest, dass zumindest in 9 von 13 Wasserwerken an der Ruhr auch in den letzten 4 Monaten der „gesundheitliche Orientierungswert“ von 0,1 µg/l (=100 ng/l) im abgegebenen Trinkwasser mehrfach deutlich überschritten wurde. Dass die Einhaltung des so genannten „lebenslang duldbaren Leitwertes“ von 0,3 µg/l (= 300ng/l) als Erfolg und sichere Einhaltung der „Grenzwerte“ verkauft wird, kritisiert der BUND scharf.
Angesichts der zunehmend bedenklicher beurteilten Eigenschaften der PFT-Verbindungen und der hohen Anreicherung dieser Substanzen im Blut der Arnsberger Bevölkerung bei Belastungen in der Nähe dieses Grenzwertes (ca. 0,5 µg/l),lässt sich dieser Wert wohl nicht aufrecht halten. Im Übrigen gilt das Minimierungsgebot der Trinkwasserverordnung, (§ 6, Abs. 3) nach dem „Konzentrationen von chemischen Stoffen, die das Wasser für den menschlichen Gebrauch verunreinigen oder seine Beschaffenheit nachteilig beeinflussen können, so niedrig gehalten werden (sollen), wie dies nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik mit vertretbarem Aufwand unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalles möglich ist.“ Der Einsatz von Aktivkohle ist allgemein anerkannter Stand der Technik in der Wasseraufbereitung und ermöglicht eine weitgehende Minimierung der PFT-Gehalte bis nahe Null. Dass dies nach über einem Jahr PFT-Belastung in der Ruhr nicht umgesetzt wurde, ist nach Einschätzung des BUND ein Verstoß gegen das Minimierungsgebot. Die Einhaltung eines minderen Zieles („lebenslang duldbar“) ist vor diesem Hintergrund nicht ausreichend. Völlig unakzeptabel und rechtlich angreifbar ist der Verzicht auf Aktivkohlefilterung mit der Begründung, das man ja „die Einhaltung des umstrittenen Grenzwertes von 300 ng/l auch ohne Aktivkohle gewährleisten" könne.
Die Wasserwerke müssen daher in dieser Situation die Verbesserung der Aufbereitung durch eine nachgeschaltete Festbett–Aktivkohlestufe an allen betroffenen Wasserwerken umsetzen. Die Problemlösung durch Anlagen nach dem Prinzip der Nanotechnologie lehnt der BUND auf Grund des hohen Kosten- und Energieaufwandes und der gravierenden Veränderung der Wasserzusammensetzung (Entmineralisierung) ab. Dies wäre klassische „end of the pipe“ Technologie mit unangemessen hohem Aufwand. Die Aktivkohlefiltration ist dagegen eine akzeptable Sicherheitsstufe mit überschaubarem Aufwand nach vorgeschalteten natürlichen und konventionellen Aufbereitungsschritten.
Die Nachrüstung der Wasserwerke darf aber auf keinen Fall dazu führen, dass die Ursachenbekämpfung an der Quelle und das Ziel eines intakten Wasserkreislaufes aufgegeben werden. Mittelfristig müssen Investitionen in die Produktsubstitution, betriebliche Abwasserreinigung, Änderungen des Konsumentenverhaltens und die Ertüchtigung kommunaler Kläranlagen Vorrang haben.
Grenzwerte überprüfen und bereinigen – Blutuntersuchungen ausweiten
Die Blutuntersuchungen einer repräsentativen Gruppe von Bürgern in Arnsberg hat im Vergleich mit einer relativ weniger belasteten Gruppe von Bürgern (Siegen und Brilon) ergeben, dass die Arnsberger Kinder, Frauen und Männer im Durchschnitt 5 bis 8 mal so hohe Belastungen des Blutplasmas an PFT-Verbindungen - insbesondere an Perfluoroctansäure (PFOA) - aufweisen wie die Vergleichsgruppe. (Einzelne Personen, die aus Krankheitsgründen besonders viel Leitungswasser konsumieren mussten, waren sogar noch erheblich höher belastet und wiesen mehr als das 50fache der Vergleichsgruppe auf, müssen also zusätzlich zu ihrer Erkrankung auch noch eine Belastung von z.T. fast 400 µg/l bzw. 400000 ng/l an PFOA im Blutplasma hinnehmen.)
Diese erhebliche Belastung resultiert aus einer maximal fünfjährigen Belastung des Trinkwassers in Arnsberg mit Werten von ca. 500 ng/l an PFOA. Eine gleiche Belastung wird sich rechnerisch also ergeben, wenn ein Trinkwasser mit 100 ng/l ca. 25 Jahre konsumiert würde. Dies weist darauf hin, dass sogar das „vorläufige“ Mindestqualitätsziel von der Trinkwasserkommission zu hoch angesetzt wurde!
Darüber hinaus wird die Wirkung von PFT-Verbindungen, insbesondere solcher mit kurzkettigen Molekülen, die analytisch schwerer zu bestimmen sind, aber meistens mit den anderen Verbindungen gemeinsam vorliegen, im Organismus zunehmend kritischer eingeschätzt, vor allem im Hinblick auf das Zusammenwirken mit anderen Chemikalien („Türöffnereffekt“). In New Jersey ist aus diesem Grund ein Grenzwert von 40 ng/l für PFOA vorgegeben worden.
Die Trinkwasserkommission beim BMG wird daher zu einer kritischen Revision der - ausdrücklich als „vorläufige Bewertung“ bezeichneten Werte aus dem letzten Jahr aufgefordert. Da etliche Wasserwerke an der Ruhr über Jahre hinweg höhere bzw. nicht bekannte Gehalte an PFT enthielten, ist in mehreren Städten an der Ruhr eine Erhöhung der Gehalte im Blut der betroffenen Bevölkerung zu rechnen. Um dies zu klären, müssen daher in allen betroffenen Städten an der Ruhr entsprechende Blutuntersuchungen der Bevölkerung durchgeführt werden. Dies würde auch Rückschlüsse über die erfolgte Belastung ermöglichen
Widersprüchliche Aussagen von Politik und Wasserwirtschaft aufklären.
4 Monate, von April bis Juli 2007, herrschte in Sachen PFT trügerische Ruhe. Erst nachdem ein kritischer Artikel in einer großen überregionalen Zeitung den Erfolg der Sanierung in Frage stellte, weitere Belastungsquellen für PFT als das berüchtigte Feld in Scharfenberg vermutete und die Belastung des Trinkwassers vieler Städte im Ruhrgebiet mit PFT belegt und bisher nicht unbedingt zugänglichen Messwerten als zu hoch bezeichnete, gibt es wieder große öffentliche Erregung. Wasserwirtschaft und Umweltminister reden von Panikmache und behaupten von fast allem das Gegenteil. Alle Grenzwerte werden sicher eingehalten, die Belastung mit PFT ist deutlich zurückgegangen, die Sanierung ein voller Erfolg und überhaupt würden die Gefahren durch PFT übertrieben, es gäbe keine Erkenntnisse über gesundheitlich bedenklichen Belastungen durch diese Stoffgruppe usw.
So geht es in der ersten Augustwoche hin und her, es melden sich die GRÜNEN, ihre frühere Umweltministerin sowie deren ehemaliger Abteilungsleiter für Wasser und Abfall zu Wort, die unisono behaupten, dass an der Ruhr das schlechteste Trinkwasser deutschlandweit ausgeschenkt wird und tausende von giftigen Stoffen ungeklärt aus den schlechtesten aller Kläranlagen in Deutschland in die Ruhr fließen. Der Streit eskaliert, als einer der Entdecker des PFT-Problems an der Ruhr, Dr. Färber vom Hygieneinstitut Bonn, auf eigene, höhere Messwerte in Ruhr und dem Trinkwasser in Dortmund hinweist, darauf aufmerksam macht, dass bereits Messwerte aus dem Jahr 2004 eine hohe PFT-Belastung der Ruhr gezeigt haben und die berechtigte Frage stellt, warum Umweltministerium und Wasserwirtschaft nicht schon damals gehandelt hätten. Die Antwort lautete sinngemäß, dass die frühere Umweltministerin diese Chemikalie in ihrer Ministerzeit nicht kannte, ihr Koalitionspartner SPD kritische Berichte zur Leistung der Kläranlagen an der Ruhr zensierte, die Wasserwirtschaft an der Ruhr das Problem maßlos unterschätzte und nur als untergeordnetes Problem der unteren Ruhr ansah, dem man bei Gelegenheit nachgehen könne.
Aber auch Umweltminister Uhlenberg zeigt Wirkung. „Atemberaubender Unsinn, Angst- und Panikmache“, so seine beschwichtigenden Aussagen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite gibt er nun jedoch zu, dass nicht nur das Feld in Brilon, sondern mindestens 80 Betriebe im Land PFT-Emissionen über 300 ng/l im Abwasser abgeben, d.h. die früher vertretene These, dass 95% des PFTs in der Ruhr von dort kommen, ist vom Tisch. Des weiteren ist die Schonfrist für die Wasserwirtschaft vorbei, erstmals ist auch bei Uhlenberg die Rede davon, dass die Wasserwerke ihre Aufbereitung nachzurüsten haben, entsprechend einer Vereinbarung, notfalls würde ihnen die „Bude dicht gemacht“.
Nicht nur nach Ansicht des BUND ist es jetzt höchste Zeit, dass die Politik handelt und endlich einen Untersuchungsausschuss beantragt und einrichtet. Unbestritten ist, dass dies ja eher Angelegenheit der Opposition sein dürfte und man darf sich schon wundern, dass hier immer noch gezögert wird.
Dieser Untersuchungssauschuss hätte z.B. folgende hoch interessanten Fragestellungen zu bearbeiten:
- Versäumnisse von Ministerium und beteiligten Behörden (Bezirksregierungen, Kreise) bei Genehmigung und Kontrolle der Aktivitäten der Firma GW Umwelt in den Jahren 1999 bis 2006.
- Einfluss der Gesetzgebung und der Rechtssituation auf den Umgang von Politik und Behörden mit der Fa. GW Umwelt und anderen in der Entsorgungsbranche tätigen Firmen. (Bioabfall Verordnung, Klärschlamm Verordnung, Kreislaufwirtschaftsgesetz etc.)
- Versäumnisse und Fehleinschätzung von Ministerium und Behörden vor allem aber der Wasserwirtschaft bei der Bewertung der bereits 2004 dokumentierten PFT-Belastung in der Ruhr.
- Mögliche Einflussnahme der Wasser- und Entsorgungswirtschaft auf Politik und Behörden im Zeitraum von 1999 bis 2006.
- Behandlung des PFT-Skandals durch Umweltminister, Behörden und Politik seit 2006.
- Gesamtbetrachtung, Konsequenzen und Empfehlungen zur Problematik, was muss geändert werden, um solche Skandale künftig auszuschließen?
Genug Arbeit also für einen Untersuchungssauschuss, vor allem brisante Fragestellungen, von denen der Bürger erwarten kann, dass die von ihm gewählten Politiker sich endlich dieser Verantwortung stellen.
Mehr als ein Jahr PFT - Chaos mit immer neuen, erschreckenden Enthüllungen dürften reichen, die Politik ist am Zuge.
Paul Kröfges, 5.8.2007