Krefeld, 01. Februar 2007 Etwa 200 Experten aus Naturschutz, Behörden, Politik und Industrie trafen sich auf Einladung des BUND, des AK Steine+Erden und der Natur- und Umweltschutzakademie NRW (NUA) in Krefeld, um die Zukunft des Niederrheins vor dem Hintergrund der Forderung der Industrie nach neuen Abgrabungsflächen zu diskutieren. Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft von Wirtschaftsministerin Christa Thoben [Programm].
Hintergrund
In kaum einer Region wird das Spannungsfeld zwischen den Interessen der Abgrabungsindustrie auf der einen und dem Natur-, Gewässer- und Freiraumschutz auf der anderen Seite so augenfällig wie am Niederrhein. Die Rohstoffgewinnung steht hier im teilweise heftig ausgetragenen Konflikt mit den übrigen Belangen des Gemeinwohls. Die Abwägung zwischen den unterschiedlichen, grundsätzlich jedoch gleichrangigen Interessen und Erfordernissen stellt die Planungsträger vor zunehmend größere Herausforderungen.
Wichtige Teilaspekte dieses Konfliktfeldes waren Gegenstand des heutigen Forums:
Wie lassen sich notwendige Abgrabungen bestmöglich in die räumliche Entwicklung einbinden? Wie greifen Abgrabungen in den Gewässerhaushalt ein? Inwieweit schaffen die Vorgaben des europäischen Rechts wie die Vogelschutzrichtlinie oder Wasserrahmenrichtlinie einen neuen Rechtsrahmen, der restriktive Vorgaben für die zukünftige Rohstoffsicherungsplanung gibt? Welche Anforderungen an eine grenzüberschreitende Planung gibt es?
Aus Sicht des BUND möchte ich die wesentlichen Ergebnisse zu diesen Kernfragen wie folgt zusammenfassen:
Rohstoffsicherung und räumliche Entwicklung
Jeder von uns verbraucht während seines Lebens etwa 340 Tonnen Kiese, Sande und Tone. Neben Bayern ist Nordrhein-Westfalen das wichtigste Rohstoffland: 70 Mio. t Lockergesteine werden hier in etwa 235 Betrieben von rund 5.600 Erwerbstätigen gefördert. Nordrhein-Westfalen liefert damit rund 22 % der in Deutschland produzierten Menge an Kies und Sand. Mit einem geschätzten Umsatz von 380 Mio. Euro jährlich kommt diesem Industriezweig eine unbestreitbar hohe ökonomische Bedeutung zu.
Im Unterschied zu nachwachsenden Rohstoffen aus pflanzlicher oder tierischer Produktion sind mineralische Rohstoffe in geologischen Zeiträumen gebildet worden, demgemäß auch nicht in menschlichen Zeitkategorien vermehrbar und nur begrenzt verfügbar. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist daher ein haushalterischer, schonender und im Einklang mit den ökologischen Belangen stehender Umgang mit den natürlichen Ressourcen unverzichtbar.
In der Vergangenheit konnte davon jedoch kaum die Rede sein. Insbesondere auch am Niederrhein hat die langjährige Nutzung der Kies- und Sandvorkommen zu einseitiger räumlicher Überbelastung geführt. Hier bedarf es dringend einer generellen Neueinschätzung von Lastenverteilung und neuer Planungsansätze.
Im Sinne der notwendigen Akzeptanz neuer Abbauplanungen ist zum einen zwingend der Nachweis der Erforderlichkeit und Sinnhaftigkeit eines Vorhabens zu erbringen, zum anderen muss eine vollumfängliche Abwägung mit dem öffentlichen Interesse zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.
Bedarfsermittlung und Rohstoffsicherung
Die bisherige Logik der nachfrageorientierten Bedarfsermittlung und der dadurch induzierte, sich selbst beschleunigende Kreislauf einer ungebremsten Flächeninanspruchnahme muss durch neue planungsrechtliche Vorgaben durchbrochen werden. Insofern begrüßt der BUND ausdrücklich die Ankündigung der Landesregierung, den planerischen Bezugszeitraum endabgewogener Vorranggebiete von 50 auf maximal 30 Jahre zu reduzieren, nachvollziehbare Bedarfsermittlungen einzufordern und das Abgrabungsgeschehen durch ein Monitoring zu begleiten. Das sind längst überfällige Neuerungen, um die mit Gewinnungsmaßnahmen einhergehende Raumbelastung in verträglichen Grenzen zu halten, die räumliche Entwicklung des Abgrabungsgeschehens zu steuern und zeitlich befristete Zwischennutzungen zu ermöglichen.
Darüber hinaus sehen wir u.a. auch die Notwendigkeit der Festlegung von Reduktionszielen, um Anreize für mehr Ressourceneffizienz und höhere Substitutions- und Recyclinganteile zu schaffen. Die derzeitige Substitutionsquote von gerade einmal 6 % zeigt, dass hier noch große Innovationspotenziale existieren.