BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Kugelhaufenreaktoren. Desaster oder Zukunftsoption?

 Das Fallbeispiel des AVR Jülich.

 

Aufbau des AVR-Reaktors; Quelle: wikipedia.de

Jülicher Pannenreaktor wird eingemottet

 

Im „Superwahljahr“ 2009 wird der Streit um Laufzeitverlängerungen deutscher Atomkraftwerke eines der zentralen Themen. Es geht um die Richtungsentscheidung pro oder contra Atomenergie, pro oder contra Energiewende. Auch die NRW-Landtagswahl im Jahr 2010 wirft ihre Schatten voraus. Vor allem die CDU und FDP versuchen mit fragwürdigen Argumenten, eine Renaissance der unbeherrschbaren Atomenergie herbeizureden.

 

NRW-Energieministerin Christa Thoben hat sich in diesem Zusammenhang mehrfach für eine Wiederbelebung des Kugelhaufenreaktortyps ausgesprochen. Dabei sollte sie es besser wissen. Sowohl der Pannenreaktor THTR in Hamm als auch der Betrieb des Versuchsreaktors AVR in Jülich haben nur eines gezeigt: Die Atomenergie ist und bleibt unbeherrschbar.

 

Im Forschungszentrum Jülich stehen seit 20 Jahren drei still gelegte Forschungsreaktoren herum. Jetzt werden sie auseinandergebaut, und das strahlende Material wird in Castoren zwischengelagert. Einer der Versuchsreaktoren hat sich dabei als besonders brisant und gefährlich erwiesen.  Gut 20 Jahre – von 1967 bis 1988 - wurden mit diesem Reaktor Strom und Prozesswärme erzeugt. Dabei sind viel mehr Brennelementekugeln zu Bruch gegangen, als man erwartet hatte. Diese Bruchstücke stecken im Reaktor fest und geben starke radioaktive Strahlung ab. Außerdem haben die mit Graphit zusammen gebackenen Kugeln durch Reibung sehr viel Graphitstaub abgegeben und stark radioaktive Spaltprodukte wie Strontium-90 durch den ganzen Reaktor transportiert. Erst beim Abbauversuch wurde deutlich, dass die Ursache für die große Kontamination im bestimmungsgemäßen Betrieb des Hochtemperaturreaktors bestand. Der Reaktor wurden jahrelang mit viel zu hohe Temperaturen gefahren.

 

Erst nach der Katastrophe von Tschernobyl fing man an, das eigene Tun in Frage zu stellen. Wegen der systemimmanent viel zu hohen Betriebstemperaturen wurde der AVR stillgelegt. Doch der AVR kann nicht zerlegt und in ein Zwischenlager transportiert werden. Er soll deshalb unter Beton mindestens 30 Jahre, eher noch Jahrhunderte, eingeschlossen werden, ehe man den Reaktorbehälter öffnen kann. Zusätzlich muss der Reaktorbehälter aber vom ursprünglichen Standort wegbewegt werden, weil im Jahr 1978 kontaminiertes Wasser in das Erdreich neben und unter dem Gebäude gelangt ist und dieser Bereich saniert werden muss.

 

Trotz dieses systemimmanenten Desasters wird dieser Reaktortyp von der Atomlobby weiter favorisiert. In Südafrika, China und den USA sollen wieder Versuchsreaktoren gebaut werden und solche Reaktoren in Serie gehen -Hochrisikotechnik „made in NRW“.

 

 

NRW-Landesregierung stramm auf Atomkurs – Hochriskotechnik „made in NRW“

Der Jülicher Pannenreaktor; Foto: BUND-Archiv

Jülicher Pannenreaktor wird eingemottet / Steuerzahler muss für strahlende Altlast aufkommen

17.07.2009 - Im Streit um die  Nutzung der Atomenergie wirft der nordrhein-westfälische Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) der Landesregierung grobe Fahrlässigkeit und Täuschung der Öffentlichkeit vor. Der BUND legte jetzt eine Analyse zu der an Pannen und Beinahe-Katastrophen reichen Geschichte des AVR-Versuchsreaktors in Jülich vor. Mit dem unlängst abgeschlossenen Genehmigungsverfahren zum Rückbau dieses Kugelhaufen-Versuchsreaktors sei Nordrhein-Westfalen eine strahlende Altlast aufgebürdet worden, die dem Steuerzahler noch teuer zu stehen komme. Dennoch halte die Landesregierung unbeirrbar an dieser Technologie fest.

„Trotz des Desasters um den Jülicher Reaktor versuchen CDU und FDP mit fragwürdigen Argumenten, eine Renaissance der Atomenergie herbeizureden. Angesichts der nüchternen Fakten um den AVR-Versuchsreaktor ist  das Festhalten der NRW-Energieministerin Christa Thoben an dieser unbeherrschbaren Hochrisikotechnologie nur noch als grob fahrlässig und unverantwortlich zu bezeichnen“, sagte der stellvertretende BUND-Landesvorsitzende Friedrich Ostendorff. Thoben habe sich mehrfach für eine Wiederbelebung des Kugelhaufenreaktortyps ausgesprochen. Auch der FDP-Chef und Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) möchte den Bau neuer Atomkraftwerke in Deutschland laut eigener Aussage  nicht ausschließen. „Dabei sollten sie es besser wissen. Sowohl der Pannenreaktor THTR in Hamm als auch der Betrieb des Versuchsreaktors AVR in Jülich haben nur eines gezeigt: Die Atomenergie ist und bleibt unbeherrschbar.“

Der Versuchsreaktor AVR war ein heliumgekühlter graphitmoderierter Hochtemperaturreaktor mit kugelförmigen Brennelementen („Kugelhaufenreaktor“). Seine thermische Leistung betrug 46 MW, die elektrische Bruttoleistung 15 MW. Aufgabe der Anlage war es, den vermeintlich sicheren Betrieb und die Verfügbarkeit dieses neuen Reaktortyps zu demonstrieren, Komponenten und insbesondere HTR-Brennelemente zu erproben sowie reaktortypbezogene Experimente durchzuführen. Nach 21 Betriebsjahren und einer Serie von gravierenden Pannen und Problemen wurde die Anlage am 31.12.1988 endgültig abgeschaltet.

Doch der AVR kann wegen der noch immer hohen Strahlenbelastung nicht zerlegt und in ein Zwischenlager transportiert werden. Er soll deshalb unter Beton mindestens 30 Jahre, eher noch Jahrhunderte, eingeschlossen werden, ehe man den Reaktorbehälter öffnen kann. Zusätzlich muss der Reaktorbehälter aber vom ursprünglichen Standort wegbewegt werden, weil im Jahr 1978 kontaminiertes Wasser in das Erdreich neben und unter das Gebäude gelangt ist und dieser Bereich saniert werden muss. Ein entsprechendes atomrechtliches Genehmigungsverfahren wurde unlängst abgeschlossen.

Dorothea Schubert, AVR-Expertin des BUND: „Mit dem AVR wird uns eine strahlende Altlast serviert, die uns noch teuer zu stehen kommt. Die zu hohen Betriebstemperaturen im Reaktorkern und zahlreiche Fehleinschätzungen der Atomtechniker haben der Allgemeinheit einen stark radioaktiv strahlenden Reaktorkern und dessen Lagerung für viele Jahrzehnte in einer Betonhalle beschert.  Von einem geordneten Rückbau kann keine Rede sein. Tatsächlich überlassen die Verantwortlichen in Bund und Land das Problem einfach unseren Kindern und Enkeln.“ Die Rückbau-Kosten werden nach Angaben des Bundesrechnungshofs allein bis 2012 auf mehr 500 Millionen Euro geschätzt, die vom Steuerzahler zu tragen sind.

Während des Forschungsbetriebes, so zeigt die BUND-Analyse, sind viel mehr Brennelementekugeln zu Bruch gegangen, als man erwartet hatte. Diese Bruchstücke stecken im Reaktor fest und geben starke radioaktive Strahlung ab. Außerdem haben die mit Graphit zusammen gebackenen Kugeln durch Reibung sehr viel Graphitstaub abgegeben und stark radioaktive Spaltprodukte wie Strontium-90 durch den ganzen Reaktor transportiert. Erst beim Abbauversuch wurde deutlich, dass die Ursache für die große Kontamination im „bestimmungsgemäßen Betrieb“ des Hochtemperaturreaktors bestand. Der Reaktor wurden jahrelang mit viel zu hohe Temperaturen gefahren.

Trotz dieses systemimmanenten Desasters werde dieser Reaktortyp von Landesregierung und  Atomlobby weiter favorisiert, so die BUND-Kritik. In Südafrika, China und den USA sollen wieder Versuchsreaktoren gebaut werden und solche Reaktoren in Serie gehen - Hochrisikotechnik „made in NRW“. 

 

Quelle: http://www.bund-nrw.de/themen_und_projekte/energie_klima/atomenergie/avr_juelich/