Verfüllung oder Restsee?

Der zurzeit im Betrieb befindliche Tagebau Inden II wird voraussichtlich im Jahr 2030 ausgekohlt sein. Bisher verpflichtet der Braunkohlenplan den Bergbautreibenden, das dann verbleibende Restloch mit Erdmassen aus den Tagebauen Hambach und Garzweiler II zu verfüllen und größtenteils einer landwirtschaftlichen Nutzung zugänglich zu machen.

In der Region um den Tagebau Inden wird seit längerem diskutiert, auf die Restlochverfüllung zu verzichten und stattdessen einen See ( „Inde’scher Ozean“) zu schaffen. Dieser See wäre nach dem Ende der Befüllung mit 1.100 ha Wasserfläche, einem Volumen von 800 Millionen Kubikmetern Wasser und einer maximalen Tiefe von 180 Metern der größte See Nordrhein-Westfalens.Wegen eines misslungenen Abraummanagements und hoher Verfüllungskosten favorisiert auch RWE Power die Restsee-Variante. Die den Tagebau betreibende RWE Power spart durch den Verzicht auf die aufwendige Restlochverfüllung erhebliche Geldbeträge. So wird z. B. eine zum Transport der Erdmassen aus den Tagebauen Hambach und Garzweiler II quer durch den Kreis Düren zu errichtende und über Jahre zu betreibende Bandstraße überflüssig. RWE Power selbst hat bisher öffentlich keine Zahlen genannt. Presseberichte nannten Einsparungen für den Konzern in Höhe von 250 Millionen Euro.

Befüllt werden soll das Restloch mit Wasser aus der nahe gelegenen Rur. Dabei wird unter Zugrundelegung verschiedener Entnahmevarianten mit einem Zeitraum von 38,8 bis 45,5 Jahren bis zur vollständigen Befüllung gerechnet, so dass der See kaum vor 2070 seinen Endzustand erreicht haben wird.

Der BUND lehnt diese Restsee-Variante ab. Es gibt keine begründeten Hinweise darauf, das sich die Grundannahmen des Braunkohlenplanes Inden II von 1989/90 so wesentlich geändert haben, dass eine Änderung nach den strengen Kriterien des § 48 LPlG erfolgen dürfte (s. BUND-Stellungnahme).

Braunkohlenplanänderungsverfahren

Der Braunkohlenabbau ist für gesamtes Abbaugebiet (bis ca. 2030) zugelassen. Die im Rahmenbetriebsplan dargestellte Restseegestaltung wurde hingegen nicht zugelassen, da sie nicht konform zum Braunkohlenplan ist. Der Rahmenbetriebsplan beinhaltet die Auflage, bis Ende 2010 eine Neukonzeption der Oberflächengestaltung ab 2020 vorzulegen, um eine Angleichung an die Grundzüge der Wiedernutzbarmachung laut Braunkohlenplan zu schaffen, d.h. die Verfüllung des Restloches mit Abraum aus Hambach in den Rahmenbetriebsplan aufzunehmen. Nach Antrag der Gemeinde Inden und Beratung in einer Klausurtagung hat sich der Braunkohlenausschuss offen für eine Änderung des bestehenden Braunkohlenplanes gezeigt.

Der Braunkohlenausschuss hat in seiner 131. Sitzung am 15.12.2006 das Erarbeitungsverfahren für den „Braunkohlenplan Inden, Räumlicher Teilabschnitt II, geänderte Grundzüge der Oberflächengestaltung und Wiedernutzbarmachung“ beschlossen. Der Entwurf des Planes mit Erläuterung, der Umweltbericht und die Angaben des Bergbautreibenden zur Umweltprüfung und zur Umweltverträglichkeitsprüfung haben im Jahr 2007 drei Monate öffentlich ausgelegen. Gleichzeitig haben die zu beteiligenden Behörden und Stellen die zuvor genannten Unterlagen erhalten und sind zur Mitwirkung aufgefordert worden. Zu den ausgelegten Planunterlagen sind eine große Anzahl von Anregungen seitens der Öffentlichkeit und seitens der bei der Erarbeitung des Braunkohlenplanes Beteiligten erhoben worden.

Restsee frühestens ab 2060

Die zeitlichen Dimensionen sind enorm: Das angestrebte Stauziel von +92m üNN soll frühestens im Jahr 2060 erreicht werden. Solange

würden die Anrainer-Kommunen neben einem tiefen, wenn auch teilbegrünten Krater leben müssen: Die Niederzierer würden quasi auf einem Steg zwischen dem ungleich größeren und tieferen Hambacher Restloch und einem Indener Restloch leben (Zeithorizont Restsee Garzweiler: 2085, Hambach dito). Dagegen würde die vollständige Verfüllung ungefähr 20 Jahre dauern. Dass der Restsee eine Bandanlage duch die Ruraue überflüssig machte, ist zwar richtig, darf allerdings nicht als vermeintliches Öko-Argument gegen die Verfüllung herhalten. Erstens sind die Tagebaue an sich schon die größtmöglichen Eingriffe in Natur und Landschaft. Zweitens bietet eine Verfüllung bei allem Übel immer noch mehr ökologisches Potenzial als ein Restsee. Und drittens ist die geplante Rurwasserentnahme ein wesentlich gravierenderer Eingriff.

Zusammen mit den geplanten Tagebaurestseen Garzweiler und Hambach würde eine landschaftsuntypische Wasserlandschaft von gigantischer Größe entstehen. Wer braucht diese Seen? Welche Szenarien einer Freizeit- und Tourismusregion sind realistisch? Welche Konkurrenz um "ihren" See wird zwischen den Kommunen angeheizt? Diese Fragen bedürfen neben den jetzt schon absehbaren Negativfolgen eines Restsees einer kritischen Beantwortung.

Auswirkungen eines Restsees

Die Landwirtschaft wäre der große Verlierer bei einer Restsee-Lösung. Von ursprünglich 1.522 ha vor der bergbaulichen Inanspruchnahme sollen lediglich 455 übrig bleiben. Schon jetzt gingen der Landwirtschaft im Rheinischen Braunkohlenrevier mehr als 9.000 ha Fläche verloren, mit den Restseen der drei Großtagebaue würden weitere 7.400 ha hinzukommen.

Wasserbeschaffung zur Befüllung: Das Restloch soll über Jahrzehnte Hinweg mit Wasser aus der Rur künstlich befüllt werden. Schon jetzt besitzt RWE Power eine wasserrechtliche Bewilligung zur Entnahme von jährlich 20 Mio. m3 Rurwasser zur Kühlung des Kraftwerks Weisweiler und für die MVA Weisweiler. Weitere 40 Mio. m3/a sollen zur Füllung des Restsees dazukommen. Der BUND hält dies für unvereinbar mit den Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), die einen guten ökologischen Zustand der Fließgewässer bis 2015 vorschreibt und auch ein Verschlechterungsverbot beinhaltet. Die Entnahme reduziert die Wasserspiegellage der Rur. Das kann Naturschutzgebiete unterhalb der Entnahmestelle evtl. bis zur Einmündung der Wurm bei Heinsberg-Kempen beeinträchtigen (ca. 40 Flusskilometer). Nach der Bestandsaufnahme gem. WRRL gilt die Zielerreichung im überwiegenden Teil des Rur-Einzugsgebietes schon jetzt als „unwahrscheinlich“ . Mit der zusätzlichen Wasserentnahme würde sie gänzlich unmöglich. Unklar bleibt weitere Fragen: Wie sieht die Klimatische Entwicklung in Zukunft aus? Wird die Rur ganzjährig genug Wasser führen? Wie sieht die hydraulische Kopplung Rurscholle – Erftscholle – Venloer Scholle mit ihren drei Großtagebauen aus? Welche Wechselwirkungen gibt es mit der "neuen Inde"?

Weitere mögl. Probleme: Ein See dieser Größenordnung ist immer mit mesoklimatische Änderungen (+ Nebelzunahme, Schwülehäufigkeit) verbunden. Dazu kann die von den Tagebauen ausgelöste Seismizität sowohl die Böschungen beeinflussen als auch das Schichtungsverhalten.

Alternativen

Die vollständigen Verfüllung ist gegenüber der Restsee-Flutung die wesentlich "umweltverträglichere" Variante, auch wenn der Tagebau an sich schon als nicht ausgleichbarer, irreversibler Eingriff bewertet werden muss. Mit der Verfüllung bieten sich sowohl aus ökologischer als auch ökonomischer Sicht größere Handlungsspielräume. Der BUND setzt sich seit Jahren für eine Rekultivierung ein, die nicht nur der Wiedernutzbarmachung, sondern auch verstärkt den ökologischen Belangen Rechnung trägt. Aufgrund der bereits bekannten massiven naturhaushaltlichen Verluste im Tagebaubereich fordert der BUND 30 % Vorrangfläche für Naturschutz auf rekultiviertem Neuland. Zugunsten einer etwas besseren Kompensation der bodenökologischen Verluste dürfte die landwirtschaftliche Neuland-Nutzung danach in Zukunft frühestens nach einer Waldgeneration einsetzen. All dies wird durch einen Restsee unmöglich gemacht.

Eine vollständige Verfüllung würde daneben nicht nur potenzielle Flächen für eine landwirtschaftliche Nutzung sichern, sondern gleichfalls andere wirtschaftliche Nutzungsformen ermöglichen, die ein Vielfaches an regionalem Benefit bieten würden.

Wer im Übrigen meint, dass ein Restsee den kürzlich diskutierten Aufschluss neuer Tagebaue wg. der dann nicht mehr benötigten Massen überflüssig machen würde, irrt. „Das Ergebnis unsere Überschlägigen Prüfung insbesondere unter Berücksichtigung wasserwirtschaftlicher und massendispositiver Aspekte hat ergeben, dass eine etwaige bergbauliche Inanspruchnahme weiterer Lagerstättenteile ... keine Folgewirkung im Hinblick auf Lage, Größe und Herstellung einschließlich Befüllung des Restsees im Abbaugebiet Inden II hätte“, so RWE Power vom 28.10.2005.



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Mehr Infos

BUND gegen "Indeschen Ozean" - Pressemitteilung vom 03.12.2008

BUNDhintergrund Tagebau Inden: Restsee oder Verfüllung?, Dezember 2008

Indeland-Flyer, Dezember 2008

Verfüllung oder Restsee? BUND-Stellungnahme im Braunkohlenplanänderungsverfahren

Die weiteren gesetzlich vorgeschriebenen Verfahrensschritte werden zeitlich wie folgt geplant:

Erörterungstermine mit der Öffentlichkeit: 05.05. bis 09.05.2008

Erörterungstermine mit den Behörden - Termin zum Ausgleich der Meinungen:

25.08. + 26.08.2008
 
Erarbeitung einer Synopse mit Anregungen,
Ausgleichsvorschlägen und den Erörterungsergebnissen

Erarbeitung des Kapitels Umweltverträglichkeits- prüfung

Arbeitskreissitzungen zur Vorbereitung der Beschlussfassung des Braunkohlenausschusses

4. Sitzung: 31.10.2008
5. Sitzung: 07.11.2008

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