BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland


Feigenblatt "Saubere Kohle"

"Es gibt keinen einzigen Business-Fall, wo sich die CO2-Abscheidung betriebswirtschaftlich rechnet", sagt beispielsweise der Chef des Essener Stromerzeugers Steag, Alfred Tacke. Es handele sich um eine "Alibi-Technik", die niemals regulär zum Einsatz kommen werde. Financial Times Deutschland, 11.01.2007

Nach Aussage der RWE Power AG soll bis 2014 ein so genanntes „CO2-freies“ Kraftwerk realisiert werden. RWE bezeichnet dies als „Herzstück des Klimaschutzprogramms“.

Die Bezeichnung „CO2-freies“ Kraftwerk ist dabei irreführend. „CO2-freie“-Kraftwerke gibt es nicht. Bei allen bisher geplanten Verfahren (Oxyfuel-Verfahren, Integrated Gasification Combined Cycle, IGCC) verbleiben je nach Kraftwerksart Kohlendioxid Emissionen zwischen 60 und 150 Gramm pro erzeugter Kilowattstunde Strom. Über die gesamte Prozesskette betrachtet ermittelte das Wuppertal-Institut ein CO2-Reduktionspotenzial von 78 %.

Bei dem angekündigten IGCC-Kraftwerk soll die Vergasung von Kohle mit einer CO2-Abtrennung kombiniert und der Strom in nachgeschalteten Gas- und Dampfturbinen erzeugt werden. Vorausgesetzt, diese Technologie könnte in absehbarer Zeit tatsächlich zur großtechnischen Anwendungsreife gelangen (- was heute mehr als unwahrscheinlich ist), so brächte sie hinsichtlich der durch den Tagebau Garzweiler bedingten CO2-Emissionen keinerlei Verringerung. Bei keinem der geplanten (BoA 4/5), in Bau befindlichen (BoA 2/3) oder existierenden Kraftwerke käme diese Technologie zum Einsatz. Allgemein wird damit gerechnet, das CCS erst ab 2020 zur Verfügung stehen wird.

Erinnert sei daran, dass im Zuge der o.g. Vereinbarung zwischen RWE und der Landesregierung („20-Milliarden-DM-Kraftwerkserneuerungsprogramm“) schon einmal die zugesagte Entwicklung von Braunkohlekraftwerken mit Kohlevergasung („KoBra“) gescheitert ist.

Mit der als CO2-Wäsche bezeichneten Abtrennung des Kohlendioxids aus dem Rauchgas soll des Weiteren ein Verfahren eingesetzt werden, dass es ermöglichen soll, im Rahmen von Nachrüstungen existierender Kraftwerke deren Emissionen nachhaltig zu mindern. Allerdings ist die RWE Power AG auch diesbezüglich bis auf gelegentliche Absichtserklärungen jegliche verbindliche Aussage schuldig geblieben, ob, wann und wo diese Technik zum Einsatz kommen soll. Die Abtrennung von CO2 nach der Verbrennung mittels Rauchgaswäsche (Post Combustion) ist zwar die am weitesten ausgereifte Technik. Sie gilt jedoch als teuer, energieintensiv und erfordert einen erheblichen Flächenbedarf.

Für beide o.g. Vorhaben ist eine CO2-Lagerung erforderlich, um das abgetrennte CO2 sicher und dauerhaft zu speichern. Diese

„Endlagerfrage“ ist bis heute ungelöst. Niemand kann garantieren, dass geeignete Lagerstätten entsprechender Kapazität zur Verfügung stehen und die mit einer CO2-Verpressung verbundenen, derzeit noch unkalkulierbaren Risiken beherrschbar sind.

Zudem vermindert der zusätzliche Energiebedarf für die Abscheidung die Reichweite fossiler Ressourcen. Die bisherigen Prognosen rechnen bei Anwendung der Technik mit einem signifikanten Absinken der Kraftwerkswirkungsgrade um etwa 8-10%. D.h.: Mögliche Wirkungsgradsteigerung bei konventionellen Kraftwerken würden durch CCS wieder zunichte gemacht. Es müsste wiederum mehr Kohle gefördert werden, um die gleiche Strommenge erzeugen zu können.

Der kumulierte Energieaufwand – bezogen auf die komplette CCS-Prozesskette (CCS= Carbon Capture and Storage) steigt nach Angaben des Wuppertal-Instituts um bis zu 34 %. Vollends negativ wird die CO2-Bilanz, wenn das Treibhausgas in Öllagerstätten verpresst wird, um diese dadurch möglichst vollständig auszubeuten (“Enhanced Oil Recovery“).

Auch wenn die Bandbreite der prognostizierten CO2-Vermeidungskosten durch CCS aufgrund der verschiedenartigen Anwendungsfälle sehr breit ist, liegen die Kosten für die CO2-Abtrennung, den -Transports und die –Lagerung im Vergleich zu anderen Klimaschutzoptionen deutlich höher. Die Bandbreite der Schätzung reicht bis zu Zusatzkosten in Höhe von 120 US $ je Tonne CO2. Die Abscheidung stellt den größten Kostenfaktor dar und liegt allein bereits zwischen 8 und 68 Euro/Tonne CO2.Insgesamt sind die Kosten immens, die Stromkosten könnten sich leicht verdoppeln. Spätestens mit Einführung von CCS wären alle Erneuerbaren Energien preiswerter als Kohlestrom.

In Deutschland muss in den kommenden zehn Jahren etwa die Hälfte des

Kraftwerksparks wegen Überalterung erneuert werden. CO2-abscheidende

Kraftwerke befinden sich noch in der Entwicklung und könnten - wenn überhaupt - frühestens in 15 bis 20 Jahren kommerziell zur Verfügung stehen. Ob und wann die Technologie überhaupt jemals in größerem Maßstab eingesetzt werden wird, ist noch völlig offen. Alle Kraftwerke, die jetzt noch ans Netz gehen, werden nicht CCS-ready gebaut, laufen dafür aber 40 bis 50 Jahre und blockieren den Klimaschutz.

Das Umweltbundesamt kommt deshalb zu dem Fazit, CO2-Abscheidung und -Speicherung seien keine dauerhafte Lösung und nicht nachhaltig. Und auch die Energiewirtschaft selbst ist mehr als skeptisch. Für Evonik/Steag-Chef Tacke ist die CO2-Abscheidung eine Alibi-Technik, die nie zum Einsatz kommen wird.

Ungeachtet der zahlreichen Risiken ist CCS bestenfalls eine Technologie der Zukunft. Wirksame Klimaschutzmaßnahmen müssen jedoch jetzt umgesetzt werden, um dem Klimawandel ent- gegen zu wirken. Das Problem irreversibler Kollateral- schäden durch die Kohlegewinnung bleibt auch bei CCS bestehen. „CO2-arme“ Kraftwerke dienen als „ökologisches Feigenblatt“, um Akzeptanz für den Neubau von klimaschädlichen Kohlekraftwerken zu schaffen. CO2 nicht vergraben, sondern vermeiden. Wer trotzdem an CCS glaubt, muss jetzt ein Moratorium für Kraftwerksneubauten ohne CCS befürworten und das Neubauprogramm stoppen.

Die Stromgestehungskosten aus fossilen CCS- Kraftwerken verdoppeln sich. Erneuerbare Energien sind im Vergleich zu CCS-Kohle-Kohlekraftwerken schon bald preiswerter.

Literatur

Quelle: http://www.bund-nrw.de/themen_und_projekte/braunkohle/braunkohlekraftwerke/feigenblatt_saubere_kohle/